
Wenn Klarheit erst unterwegs entsteht
Oder: Warum ich nicht immer vorher wissen muss, wohin ich gehe
„Ich brauche erst Klarheit.“
Diesen Satz habe ich selbst schon oft gedacht. Wenn eine Entscheidung anstand, wenn eine Idee da war, bei der ich noch nicht wusste, was daraus werden könnte, oder wenn ich gespürt habe, dass sich etwas verändern sollte, ohne schon genau zu wissen, was der nächste Schritt sein könnte. Dann fange ich an zu überlegen, schaue mir Möglichkeiten an, versuche Zusammenhänge herzustellen und möchte möglichst gut verstehen, worauf ich mich einlasse.
Das finde ich grundsätzlich sinnvoll, nur kenne ich inzwischen auch den Punkt, an dem dieses Nachdenken nicht mehr weiterführt. Ich denke dann nicht mehr darüber nach, um etwas besser zu verstehen, sondern weil ich mir wünsche, dass mir das Nachdenken die Unsicherheit nimmt. Und irgendwann merke ich: Ich bin eigentlich noch genau da, wo ich vorher war, nur mit noch mehr Gedanken im Kopf.
Vielleicht fehlt mir in diesem Moment gar nicht die Klarheit. Vielleicht fehlt mir einfach etwas, mit dem ich anfangen kann.
Ich hätte gern vorher gewusst, wohin es geht
Ich mag es, wenn Dinge einen Zusammenhang haben und ich eine Richtung erkennen kann. Deshalb fällt es mir nicht immer leicht, etwas anzufangen, das noch offen ist. Am liebsten würde ich vorher wissen, ob eine Idee funktioniert, wohin sie führt und ob es sich lohnt, Zeit und Energie hineinzustecken, nur habe ich immer wieder erlebt, dass genau das nicht funktioniert.
Es gab Entscheidungen in meinem Leben, bei denen ich vorher keine wirkliche Sicherheit hatte und trotzdem losgegangen bin. Und erstaunlich oft hat sich vieles erst währenddessen geordnet. Nicht, weil plötzlich alle Antworten da waren, sondern weil ich durch das Ausprobieren Dinge erfahren habe, die ich vorher überhaupt nicht wissen konnte.
Manches lässt sich eben nicht vollständig durchdenken, manches zeigt sich erst, wenn man es ausprobiert, erlebt oder ausspricht.
Das merke ich auch in meiner Arbeit
Vielleicht beschäftigt mich dieses Thema deshalb so sehr, weil ich diese Situation auch in meiner Arbeit immer wieder erlebe.
Menschen kommen oft nicht mit zu wenigen Gedanken, sondern mit zu vielen. Ideen, Wünsche, Erfahrungen, Anforderungen und Fragen liegen gleichzeitig auf dem Tisch und irgendwann wird es schwierig zu erkennen, was davon eigentlich wirklich Bedeutung hat. Ich kenne dieses Gefühl selbst und weiß, wie verlockend es sein kann, noch mehr zu sortieren, noch eine Information zu suchen oder noch eine Möglichkeit zu betrachten. Manchmal braucht es genau das, aber manchmal hilft es mehr, gemeinsam hinzuschauen: Was beschäftigt dich wirklich? Was taucht immer wieder auf? Welche Idee lässt dich nicht los? Und wo zeichnet sich vielleicht schon etwas ab, obwohl noch keine eindeutige Entscheidung getroffen ist?
Ich finde diese Fragen häufig hilfreicher als die Suche nach einer perfekten Antwort.
Der erste Schritt darf offen bleiben
Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Dinge, die ich für mich gelernt habe. Ich muss nicht vorher wissen, ob etwas am Ende wirklich der richtige Weg für mich sein wird. Ich kann ein Gespräch führen und beobachten, was es in mir auslöst, ich kann eine Idee beginnen, ohne ihr Ergebnis bereits zu kennen, ich kann etwas ausprobieren und später feststellen, dass ich meine Richtung noch einmal verändern möchte.
Früher hätte sich das für mich stärker nach Unsicherheit angefühlt, heute empfinde ich darin viel mehr Freiheit, denn wenn jeder Anfang gleichzeitig festlegen würde, wie es weitergeht, würde ich wahrscheinlich viele Dinge gar nicht erst ausprobieren.
Natürlich gibt es weiterhin Momente, in denen ich mir wünsche, jemand würde einfach sagen: „Ja, mach das. Das ist richtig.“ Aber ich glaube, ich kann heute besser damit leben, nicht sofort eine eindeutige Antwort zu haben.
Vielleicht muss Unklarheit nicht sofort verschwinden
Ich habe lange gedacht, Unklarheit sei etwas, das möglichst schnell verschwinden sollte, heute sehe ich das anders. Manche Dinge sind noch nicht klar, weil sie einfach noch nicht so weit sind, denn eine Idee darf unfertig sein, eine Entscheidung darf Zeit brauchen und manchmal muss ein Gedanke erst einmal ausgesprochen werden, bevor ich überhaupt merke, was ich wirklich darüber denke.
Ich muss deshalb nicht jede offene Frage sofort beantworten, manche darf ich eine Weile mit mir tragen und beobachten, was daraus entsteht.
Wenn ich merke, dass ich mich gedanklich festfahre, frage ich mich inzwischen eher: Was könnte ich jetzt konkret tun?
Manchmal ist das ein Gespräch, manchmal eine Idee, die ich endlich aufschreibe, manchmal ein kleines Experiment und manchmal ist es auch die bewusste Entscheidung, noch nichts festzulegen. Der Unterschied liegt für mich darin, dass ich nicht mehr darauf warte, bis plötzlich die große Klarheit auftaucht. Ich arbeite mit dem, was gerade da ist und erstaunlicherweise entsteht daraus häufig genau die Orientierung, auf die ich vorher gewartet habe. Nicht vollständig, nicht auf einmal, aber genug, um weiterzumachen.
Vielleicht ist das die Klarheit, die ich eigentlich brauche
Wenn ich heute von Klarheit spreche, meine ich deshalb immer weniger diesen Zustand, in dem alle Fragen beantwortet sind und ich genau weiß, wie die nächsten Monate oder Jahre aussehen werden.
Was mir viel hilfreicher erscheint, ist eine kleinere Form von Klarheit: Zu wissen, was sich gerade wichtig anfühlt, zu erkennen, was meine Aufmerksamkeit verdient und herauszufinden, was ich als Nächstes ausprobieren oder genauer betrachten möchte. Ich muss nicht wissen, wo ich in sechs Monaten stehe, ich muss nicht aus jeder Idee sofort einen fertigen Plan machen. Ich darf anfangen und dabei herausfinden, was ich eigentlich meine, ich darf feststellen, dass etwas anders werden muss. Dass eine Idee nicht trägt. Oder dass eine andere Richtung plötzlich interessanter ist.
Wenn ich auf manche Entscheidungen zurückblicke, bei denen am Anfang noch längst nicht alles klar war, bin ich heute fast froh, dass ich die komplette Antwort nicht hatte, denn vielleicht hätte ich sonst noch länger gewartet. Stattdessen bin ich irgendwann einfach losgegangen, nicht mit einem perfekten Plan, sondern mit dem Gedanken: Ich probiere es jetzt einmal aus und schaue, was daraus entsteht. Und oft war genau das genug.
Vielleicht muss ich heute gar nicht wissen, wohin der ganze Weg führt. Vielleicht reicht es, loszugehen und unterwegs herauszufinden, was für mich richtig ist.
Diesen Gedanken nehme ich gerade selbst mit:
Vielleicht zeigt sich der Weg nicht vorher, vielleicht zeigt er sich erst, wenn ich ihn gehe.